Der beste Freund des Menschen
 
Der beste Freund des Menschen

 

Der beste Freund des Menschen. Treu, gehorsam, ergeben bis in den Tod. Beschützer, Seelentröster, Spielkamerad. Da steht er nun. Im Wohnzimmer. Auf dem Teppich.

Gerade habe ich ihn mir geholt. Und einen Saufnapf, einen Fressnapf, einen Schlafkorb, einen Transportkorb, eine lange Leine, eine kurze Leine, zwei Halsbänder.

Diesen Kauknochen benötige ich noch, meinte die freundliche Verkäuferin in der Zoohandlung. Genau wie diese Bürste, den Kong-an-der-Schnur, den Kauring, den Ball, den Flohkamm, das Hundeshampoo, das Hundedeo, die Haustierdecke. Und natürlich das Flohhalsband.

Und - weil in der Grosspackung günstiger, meinte die nette Verkäuferin - 20 Kilo Welpenfutter "Extra Premium". Bei den Kleinen brauche man natürlich noch Vitaminpillen, damit sie schön wachsen und gross und stark werden. "Welpenerziehung leicht gemacht" und "Der kleine Hund schnell stubenrein" gehören zur Standardliteratur. Grossabnehmern stelle man für den Transport kostenlos einen Bollerwagen zur Verfügung, damit man sich nicht so abbuckeln müsse.

Wirklich ein netter Laden.

Er - ich muss mir noch einen Namen überlegen - hat gerade eben noch zwei Stunden lang den Garten inspiziert. Und jetzt steht er immer noch mitten auf meinem Teppich. Das kleine Bächlein unter ihm ist inzwischen zu einem kleinen Strom angeschwollen. Das Stuhlbein wird umspült wie eine Eiche am Gebirgsfluss während der Schneeschmelze. Es ist unglaublich, welche Mengen Flüssigkeit aus diesen kleinen zwei Kilo Hund herausfliessen.

Selbstverständlich ist die Küchenkrepp-Rolle leer. Das letzte Blatt habe ich heut morgen als Taschentuch gebraucht. Er ist fertig. Ungefähr drei Quadratmeter meines Wohnzimmers melden "Land unter!". Interessanterweise bildet die Silhouette die Ostsee nach. Die nette Verkäuferin empfiehlt mir "Exkremente-Ex" und "Geruchsstop". Fünf Liter von beidem sollten erst mal reichen. Mein Wohnzimmer duftet herrlich nach Zitrone.

Der Hund - ich habe immer noch keinen passenden Namen - war alle zwei Stunden draussen. Acht mal. Gepieselt hat er nicht. Natürlich nicht. Der Blaseninhalt eines Elefanten hatte sich ja in meinem Wohnzimmer breitgemacht. Jedenfalls kann ich wohl davon ausgehen, dass er leer ist.

Heute nacht - die erste Nacht - lass ich ihn bei mir im Bett schlafen. So ein niedliches kleines Würmchen. Wohlig grunzend ist er in meinem Arm eingeschlafen. Ich träume, ich liege am Strand. Die Palmen und das Meer rauschen Die Sonne wärmt meinen Bauch. Warme Wellen umspülen meinen Körper. Herrlich. Wieso ist es eigentlich dunkel, wenn ich mich am Strand sonne? Ich öffne die Augen. Mein Bauch wird von einem 39°-Fellknäuel gewärmt. Die Erkenntnis, dass es sich nicht um tropisches Karibikwasser handelt, in dem ich mich räkele, tröpfelt langsam in mein Bewusstsein.

Auf dem folgenden dreistündigen Spaziergang muss er nicht. Klar, er hatte ja gerade. Ausgiebig. Ich schlafe auf der Couch im Wohnzimmer weiter. Der Zitronengeruch sticht in der Nase.

Am nächsten Morgen ist der Zitronengeruch weg. Hinfortgespült. Der flauschige Hochdruckkärcher steht da, guckt mich fröhlich an und wedelt mit dem Schwanz. Wenigstens habe ich jetzt genügend Küchenkrepp: 10 Rollen. Dachte ich. Bis ich in der Küche über einen Berg kleinster weisser Papierschnipselchen stolperte.

"Exkremente-Ex" und "Geruchsstop" sind schon zur Hälfte leer. Die Grossflaschen - á 10 Liter - sind eh ökonomischer. Meint die nette Verkäuferin in der Kleintierhandlung. Die Palette Küchenkrepp habe ich den Keller liefern lassen. Die ersten 20 Rollen, die ich nach oben mitgenommen habe, lagern unerreichbar auf dem Küchentisch.

Den Teppich habe ich zusammengerollt und weggeworfen. Der Teppich hatte allerdings eine überaus wichtige und jetzt schmerzlich vermisste Eigenschaft: Er war saugfähig. Dass diese Eigenschaft dem Parkett fehlt, bricht sich wie ein reissender Fluss in meine Gedanken, als die Fluten hinter den Schrank fliessen.

Natürlich war ich alle Stunde mit ihm draussen. Natürlich hat er es nicht für nötig befunden, sich dort zu entleeren. Natürlich hatte ich mein Wohnzimmer mit Küchenkrepp ausgelegt. Natürlich hat er dieses in lustige Flöckchen verwandelt. Natürlich hat er gewartet, bis ich die Flöckchen zusammengekehrt und entsorgt hatte.

Die nette Verkäuferin empfiehlt "Markier-Stop". Fünf Liter. Diesmal Orangenduft. Es wirkt. Der Kleine meidet das Wohnzimmer. Ich allerdings auch. Der Orangenduft verursacht Niesattacken und Kopfschmerzen

Die Matraze ist immer noch feucht. Die Luftmatratze ist klein und ungemütlich. Diese Nacht stelle ich mir den Wecker, jede Stunde geht's raus. Aber bei ihm geht's nicht. Als wenn er nicht kann, wenn ihm andere dabei zusehen. So gegen 4:30 Uhr fängt es an zu regnen. Er macht keinen Schritt vor die Tür. Lieber lässt er sich von der Leine erwürgen. Irgendwann gebe ich auf. Der Regen scheint ihn aber inspiriert zu haben. Das nasse Laken gesellt sich zu dem anderen, die Luftmatratze ist zum Glück abwaschbar.

Am nächsten Morgen konfrontiert mich das Parkett mit seiner unangenehmsten Eigenschaft: Feuchtigkeit bekommt ihm nicht, die Kanten quellen auf. Die von mir eilends aufgestellten Ventilatoren geben ihr bestes, vertreiben dabei aber auch den Orangengestank. Fünf Quadratmeter. Eriesee. Der sich durch den Ventilatorsturm in tosende Fluten verwandelt, welche aufgepeitscht unter das Sofa getrieben werden.

Draussen regnet es immer noch. Er setzt keine Pfote vor die Tür. Einmal habe ich ihn einfach gepackt und vor der Tür auf ein Stück Rasen neben eine grosse Pfütze gesetzt. Quasi als Wink mit dem Zaunpfahl auf das er wisse, was ich von ihm will. In dem Moment, in dem seine Füsse den Boden berühren, spurtet er zurück in Richtung Eingangstür.

Unglücklicherweise hatte sich dabei seine Leine um meine Füsse gewickelt Aber ich war ja ohnehin schon vom Regen durchnässt. Zitternd und mit einem vorwurfsvollen Blick, als hätte ich ihn aussetzten wollen, entlässt er einen Jang-tse-kiang in den Flur. Der ist glücklicherweise gefliest. Allerdings nicht ganz "im Wasser", wie der Bauarbeiter zu sagen pflegt. Das unmerkliche, aber dennoch vorhandene Gefälle bewirkt ein Ansteigen der Fliessgeschwindigkeit in Richtung Wohnzimmer. Moderne Wohnraumtüren haben keine Schwelle mehr, sondern einen schmalen Spalt unter dem Türblatt. Durch das Aufquellen des Parketts haben sich kleine Fugen und Risse gebildet, in denen der Gelbe Fluss versickert.

Wie er an das Küchenkrepp gekommen ist, ist mir bis heute unerklärlich. Zwei Kubikmeter Zellstoffflöckchen tanzen lustig in der Küche. Nachdem ich die ganze Papiertonne damit vollgestopft hatte, kam ich wieder rein und traute meinen Augen nicht. Alles trocken, kein See, kein Fluss. Entspannt und glücklich wie wohl noch nie in meinem Leben liess ich mich in meinen Sessel gleiten.

Jetzt noch ein Bierchen aus dem Kühlschrank und alles wird gut. Irgend etwas hält mich im Sessel fest. Ich stemme und drücke und löse mich schliesslich mit einem laut schmatzenden >SCHLOPP!< aus dem Sitzmöbel. Das war's. Es reicht. Ich habe genug. Weg mit dem Miststück. Das Sofa auch. Parkett raus.

Fussbodenentwässerung im Wohnzimmer eingebaut, alles gefliest, mit so kleinen Ablaufrinnen. Plastiksessel. War alles zusammen etwas billiger als mein Starter- Kit aus der Zoohandlung. Bei den Umbauarbeiten habe ich auch bemerkt, was aus den versickerten Fluten geworden ist. Die Stalaktiten aus dem Keller unter meinem Wohnzimmer stehen jezt als Zierstalakmiten in meiner Schrankwand.

Besuch kriege ich jetzt allerdings keinen mehr. Alle finden meine Wohnung ungemütlich.

Er wohl auch.

Jedenfalls war ihm heute der Rasen draussen lieber.

Autor unbekannt

 
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